Heißes Thema, kalte Füße

Einen Plan in der Hand und Ideen im Kopf: Neubibergs Zweiter Bürgermeister Volker Buck (3 v.l.) und SPD-Spitzenkandidatin Elisabeth Gerner (2 v.r.) erläutern die Optionen für einen Hochwasserschutz und ein neues Gewerbegebiet.
Einen Plan in der Hand und Ideen im Kopf: Neubibergs Zweiter Bürgermeister Volker Buck (3 v.l.) und SPD-Spitze

16. Februar 2020

Während eines Ortsteilspaziergangs in Unterbiberg erläutert die Neubiberger SPD ihre Haltung zu einem möglichen Gewerbegebiet am Kapellenfeld und fordert die Rückkehr zu einem sachlicheren Ton, wenn es um die Zukunft der Gemeinde geht, die auch einen langfristig gesicherten Hochwasserschutz für Unterbiberg im Blick haben muss.

Elisabeth Gerner, SPD-Spitzenkandidatin für das Rathaus, und Volker Buck, Neubibergs zweiter Bürgermeister, haben sich warm angezogen. Zwar knallt zum Auftakt eines schönen Winterwochenendes die Sonne vom Himmel, aber das Thema, über das nun gesprochen werden soll, hat mitten im Wahlkampf einen Sturm der Entrüstung ausgelöst: Interne Dokumente aus dem Rathaus, die in die Öffentlichkeit lanciert wurden und zum Wahlkampfthema mutierten, unterstellten der Gemeinde nicht nur Geheimverhandlungen mit Investoren für ein geplantes Gewerbegebiet, sondern auch einen kaltherzig in Kauf genommenen Umweltfrevel, der dafür sorgen würde, dass die Stadt München von der Frischluftzufuhr abgeschnitten wird.

„Diese einseitig und polemisch geführte Debatte hat vom wesentlichen Thema abgelenkt“, erklärt Buck seinen Zuhörern, „es geht hier auch um den Hochwasserschutz für Unterbiberg und Alt-Perlach“, und reicht dabei die Kopie eines historischen Fotos herum – von 1940, das Jahr des bis dato letzten Jahrhunderthochwassers, das spielende Kinder mit selbstgebauten Flößen auf der Unterhachinger Hauptstraße zeigt.

Der erfahrene Gemeinderat ärgert sich, wenn komplexe Themen vereinfacht dargestellt werden. Er muss ausholen und erklären – zuallererst die Eigentümerfrage. Das fragliche Gelände ist im Besitz der Familie von Finck, und hier berichtet Buck von deren Angebot, der Gemeinde Ausbreitungsflächen für Hochwasser südlich von Unterbiberg zur Verfügung zu stellen, so genannte Retentionsflächen. Im Gegenzug für den Erhalt dieses Grünzuges mit Hochwasserschutzfunktion soll das bislang rein landwirtschaftlich genutzte Areal nördlich von Infineon als Gewerbegebiet nutzbar gemacht werden - und zwar im Sinne des Interkommunalen Strukturkonzepts Hachinger Tal. Dieses Konzept wurde im September 2018 auf einer Sondersitzung des Gemeinderates vorgestellt, ist also allen beteiligten Parteien bekannt. Es berücksichtigt bereits die aktuell erneut aufgeworfenen Frischluftfragen, beleuchtet verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten und ist auf Jahrzehnte ausgelegt. Nach Ansicht der SPD ist das Angebot der Grundstückseigentümer jedenfalls so interessant, dass man das Vorgehen der Gemeinde in mehrfacher Hinsicht gutheißt. „Der Hochwasserschutz für Unterbiberg ist sichergestellt, ein neues Gewerbegebiet mit wohnortnahen Arbeitsplätzen steht in Aussicht und weitere, dringend benötigte Wohnbebauung wird ebenfalls möglich“, erläutert Gerner, die mit genau diesen Themen in den Wahlkampf gegangen ist, und nun die Gefahr sieht, dass jene Kräfte, die jedwede Bebauung am Rande des Grünzuges verhindern wollen, den Stillstand zum obersten Gestaltungsprinzip der Gemeinde erheben.

Mit Blick auf die bereits existierenden und eher luftstromabriegelnden Baukörper an der Münchner Stadtgrenze sowie der südlich von Unterbiberg quer zu einem Süd-Nord- Luftstrom liegenden Bebauung fällt es ihr allerdings schwer, uneingeschränkt von einer durchgängigen Schneise zu sprechen. Deshalb werde man die Gutachterergebnisse abwarten und anschließend die möglichen Entwicklungsoptionen erörtern müssen. Die allzu hehren Absichten einer Bürgerinitiative, die angrenzend zum Kapellenfeld auf Münchner Seite firmiert und Unterschriften gegen das Projekt sammelt, stellt die Bürgermeisterkandidatin dabei zur Diskussion. Den einen treibe vielleicht wirklich die Sorge um die Frischluftzufuhr für die Münchner Innenstadt um, anderen gehe es womöglich nur um die schöne Aussicht in den Grünzug hinein: „Da hat eben auch ein Eigenheimbesitzer seine ganz persönlichen Interessen.“

Dass der Eigentümer des Kapellenfeldes sich im Vorfeld einer Grundstücksbeplanung auf eigenes Risiko an den Gutachterkosten beteiligt, sieht Volker Buck durchaus positiv – im Gegensatz zu den Kritikern, die in diesem Zusammenhang öffentlich von Geheimverhandlungen sprachen. Die Planungshoheit der Gemeinde bleibe unangetastet und die Gemeindekasse werde entlastet, stellt Buck klar.

Auf die besorgte Nachfrage, ob die Gemeinde Einfluss darauf hat, welche Unternehmen sich am Kapellenfeld ansiedeln könnten, kann der langjährige Kommunalpolitiker am Ende des Spaziergangs ohne Zögern antworten: Ein städtebaulicher Vertrag, wie unlängst mit den Eigentümern des Medizinischen Versorgungszentrums St. Cosmas abgeschlossen, wäre ein guter Weg, ökonomische und ökologische Interessen der Gemeinde weit über den Planungsprozess hinaus sicherzustellen.

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