Ein dritter Weg im Wohnungsbau

Kompetente Referentin: Elisabeth Gerner erläutert nicht nur eigene Projekte ihrer Genossenschaft, sondern erklärt ihren Zuhörern auch die unterschiedlichen Strategien von Wohnungsbaugenossenschaften.
SPD-Neubiberg (og)

20. Februar 2020

Neubibergs SPD-Bürgermeisterkandidatin Elisabeth Gerner berichtet in einem Vortrag über die Chancen genossenschaftlichen Wohnungsbaus im Spannungsfeld zwischen Eigenheim und Mietobjekt. Als langjährige Vorstandsfrau Finanzen einer Münchner Wohnungsbau-genossenschaft weiß sie aus eigener Erfahrung, wovon sie redet.

Was tun, um bezahlbares Wohnen zu ermöglichen? Im laufenden Kommunalwahlkampf kommt wohl keine Partei oder Gruppierung an dieser Frage vorbei. Da trifft es sich gut, dass die Neubiberger Sozialdemokraten mit Elisabeth Gerner eine Bürgermeisterkandidatin in ihren Reihen haben, die sich beruflich in einer Münchner Wohnungsbaugenossenschaft engagiert und aus einer inzwischen mehr als 20-jährigen Erfahrung heraus kompetente Antworten zum Bauen und Wohnen geben kann. In der Sportgaststätte Minoa entwickelt sich im Zuge ihres Vortrages ein reger Austausch zwischen Fachfrau und Zuhörern, als sie die Grundprinzipien einer Genossenschaft erläutert, mehrere, durchaus unterschiedliche, Projekte vorstellt und die Konzepte, die dahinterstehen. Dass Genossenschaften dabei nicht das alleinige Heilmittel zur Beseitigung der Mietwohnungsnot im halbwegs erschwinglichen Quadratmeterpreissektor sein können, machte Gerner als Vorstandsfrau Finanzen der Münchner FrauenWohnen Genossenschaft gleich zu Beginn deutlich: „Genossenschaften sind ein dritter Weg im vorwiegend profitorientierten Wohnungsmarkt, sie bieten Sicherheit vor Spekulationsgelüsten oder Eigenbedarfsansprüchen und sie schaffen den Rahmen für ein Miteinander.“ Ein Miteinander, das gemeinschaftlich gefunden und von jeder Hausgemeinschaft auch unterschiedlich ausgestaltet wird. Gerners Genossenschaft vertraut dabei – und bislang erfolgreich – auf die basisdemokratische Mitbestimmung der späteren Bewohnerinnen. Wie der Genossenschaftsname bereits andeutet, sind die Vertragspartnerinnen Frauen, zumeist alleinstehend oder alleinerziehend, aber auch mit PartnerInnen, die sich unter dem Dach der Genossenschaft zusammenfinden, um gemeinschaftlich zu wohnen – unkündbar und mit einer der Spekulation entzogenen Kostenmiete. Ohne Eigenkapital funktioniert es zwar nicht, gibt Gerner zu, aber das eingesetzte Geld geht nicht verloren. Wer aus der Genossenschaft ausscheidet, wird ausbezahlt, ohne Rendite, „aber dafür hat man vorher von den Vorteilen einer Mitgliedschaft profitiert“, betont die Referentin. Drei, auch mit Preisen, bedachte Projekte mit 120 Wohneinheiten hat die Genossenschaft, die knapp 400 Mitglieder zählt, bis heute realisiert. Ökologisch sowie nachhaltig und barrierefrei in mehrfacher Hinsicht: schwellenfreies Bauen geht dabei einher mit dem Abbau von Schwellenängsten. Die Bewohner der Anlagen sollen zusammenkommen, ein Miteinander, das sich auch in der architektonischen Gestaltung widerspiegelt – Gerner nennt das „kommunikatives Bauen“: Verbreiterte Laubengänge, Gemeinschaftsraum und -garten, Orte, die zum Verweilen und „Ratschen“ einladen. Das Miteinander wird bereits in der Planungsphase, im sogenannten Bewohnerinnen-beteiligungsprozess praktiziert. In monatlichen Treffen werden die künftigen Bewohnerinnen sowohl über den Planungs- oder Baufortschritt informiert als auch beteiligt bei Entscheidungen, wie beispielsweise der Innenhof gestaltet wird, Gemeinschaftsräume und Gästeappartements ausgestattet werden, ob die eigene Küche eine Wand haben soll oder lieber offen zum Wohnraum hin, oder wie die Hausordnung aussehen soll und vieles mehr. In der anschließenden Aussprache steht dann auch die Frage im Raum, ob sich dieses Konzept in ähnlicher Weise in Neubiberg realisieren lassen kann. Hier sieht Gerner zwei Wege: Leichter wäre aus ihrer Sicht die Zusammenarbeit mit erfahrenen Akteuren (Dachgenossenschaften) wie z.B. der AWohnbau, die bereits ein Projekt in Neubiberg erfolgreich realisiert hat. Aufwändiger wäre dagegen die Gründung einer neuen Neubiberger Genossenschaft, denn, so gibt die für Finanzen zuständige Vorstandfrau zu bedenken, eine eigenständige Genossenschaft bedeutet einen großen Verwaltungsaufwand. Man benötigt die Einnahmen von ca. 200 Wohnungen, um die vorgeschriebenen Verwaltungsaufgaben auch finanziell vernünftig stemmen zu können. Ein solches Projekt jedoch, das merkt man ihr an, wäre vermutlich ganz nach ihrem Geschmack: „Dafür braucht es eine Kerngruppe und ein Gelände oder ein bereits bestehendes Objekt, das sich umwidmen lässt.“ Als Bürgermeisterin würde sie eine solche Initiative gerne anschieben und begleiten. Als Vorbild könnte aus ihrer Sicht das FrauenWohnen-Projekt im Riem dienen, das mit einer Kombination aus individuellen Rückzugsräumen und Gemeinschaftsangeboten aufwartet. Dazu gehören Gästeappartements und Begegnungsräume, Werk- und Gymnastikraum sowie ein Gemeinschaftsnutzgarten. Leitgedanke dabei: eine generationenübergreifende Struktur zu schaffen, die sozialen Halt gibt. Gerner berichtet, dass sie derzeit viel in der Gemeinde unterwegs sei, um sich und ihre Ideen vorzustellen. Das erkennbare Ausmaß an Vereinsamung der älteren Generation in überdimensionierten Häusern habe sie bei vielen Gesprächen überrascht und bedrückt: „Eine Genossenschaft ist genau der altersübergreifende unabhängige Gegenentwurf zur Einsamkeit. Egal in welchem Lebensalter - man muss nicht allein sein, es gibt Alternativen mit Perspektive!“ Und finanzierbar wären sie auch.

Teilen